PHAGO
Ein deutliches Bekenntnis zur freiheitlichen Kultur Amerikas legt der türkischstämmige Maler Phago in seinen Gemälden, Drucken und Objekten ab. Der 1966 in der Türkei geborene Phago, eigentlich Ilyas Özdemir, nutzt das große Format, um seine Vorstellung von Freiheit auszudrücken.
Ikonen des „American Way of Life“ sind ihm dabei Motivation und nicht versiegende Inspirationsquelle: Die Hollywood-Diven Marilyn Monroe und Sharon Stone; der Blick auf die Straßenschluchten der Lexington Avenue sowie der 5th Avenue in New York sind seine Bildthemen. Naturalistisch mit kleinen Verfremdungen setzt der Autodidakt diese weltbekannten Motive in Acrylmalerei um.
Seine ganz persönliche Signatur erhalten die Gemälde durch eine Vielzahl gemalter Virenstränge und Sufitänzer, die der Maler über die gesamte Bildfläche, nur bei genauem Hinsehen erkennbar, verteilt. Die gemalten Virenstänge sind als Reminiszens seines Medizinstudiums zu sehen. Phago bezieht sich bei deren Abbildung auf die Makrophagen, jenen Zellen des menschlichen Körpers, die entwicklungsgeschichtlich zu den ältesten Immunzellen zählen. Ihrer angebohrenen Fähigkeit Krankheitserreger und alternde und absterbende Zellen zu erkennen und zu eliminieren lassen sie zu den wichtigen und effektivsten Zellen unseres Körpers werden. Auf ihnen fußt wesentlich unser Immunsystem. Das Wissen um diese Zellen war Phago Grund genug, seine Vision von Kunst unter den Begriff der aktiven Selbstheilung zu stellen. Auf bei dem zweiten Standbein seiner Philosophie geht es Phago um Selbstheilung und um Selbsterkenntnis. Phago nimmt sich des Sufismus in Form der Tanzenden Derwische an.
„Alles ist Liebe, alles ist eins. Sich drehend, erkennt der Derwisch Gott“. Im Wirbeltanz verliert er sein Ich, um die Einheit zu finden. Vor mehr als 700 Jahren schuf Mevlana Celalettin Rumi (1207 bis 1273) - der bedeutendste persische Mystiker - den Orden der Tanzenden Derwische und eine Philosophie der Liebe. In unzähligen Versen besingt er die Liebe zu seinem spirituellen Lehrer und schafft damit ein Symbol der Liebe des Menschen zu Gott.
Die Tanzenden Derwische tragen den zylinderförmigen Filzhut, Sikke genannt, Symbol des Grabsteins, um den Körper den schwarzen Umhang, Khirka, ein Symbol des Grabes. So tragen sie die Zeichen des Todes am lebendigen Leib. In ihren rituell festgelegten Bewegungen drehen sich die Derwische zum einen um sich selbst und dann mit den anderen Tänzern koaxial auf einem heiligen Zermonienplatz. Bildbestimmend sind die Zentrifugalkräfte, die die Kleidung, d.i. der Umhang der Derwische hoch in die Luft, fast in die Horizontale heben und die weißen Beinkleider sichtbar machen. Typisch auch die Handhaltung, dabei ist der rechte Arm erhoben, die rechte Handfläche gleichsam das Göttliche annehmend gen Himmel geöffnet, der linke Arm angewinkelt nach vorne gehalten, auf Herzhöhe die zum Körper gewandte Handfläche, ausstrahlend die Gotteskraft zum eigenen Herzen.
Der Derwisch sehnt sich nach der Rückkehr zur Einheit, nach der Umwandlung des rohen Menschen in ein lebendiges Werkzeug Gottes. Der Weg dorthin führt über die hingebungsvolle Liebe, die sich auch in der irdischen Schönheit zeigt. Musik und Tanz sind die Mittel dazu in diesem Orden; Phago erweitert die irdische Schönheit um die Mittel seiner Malerei.
So wie Rumi in seinen ungezählten Versen die Liebe zu Gott besingt, so malt Phago unzählige Sufitänzer in seine Gemälde und setzt seiner Liebe zu den Menschen ein Symbol in seiner Malerei.
Dr. Martin H. Schmidt, März 2007